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Liebe Meilemerinnen und Meilemer

18. Juni 2020

Am späten Nachmittag des 16. März 2020 hatte der Bundesrat angesichts der Coronapandemie die «ausserordentliche Lage» ausgerufen. Es war aufgrund der übertragbaren Krankheit mit einer akuten schweren Bedrohung der öffentlichen Gesundheit zu rechnen. In einem solchen Fall, der die innere Sicherheit des Landes gefährden könnte, sieht das Gesetz vor, der Landesregierung umfassende Kompetenzen einzuräumen. Das Notstandsrecht erlaubte es dem Bundesrat, die adäquaten Massnahmen konsequent und rasch anzuordnen. So hatte er ab Mitternacht desselben Tages einen umfassenden Lockdown verfügt. Alle Läden (ausser Lebensmittelläden), Restaurants sowie Unterhaltungs- und Freizeitbetriebe wurden geschlossen. Grenzkontrollen zu den Nachbarländern wurden eingeführt. Und zur Unterstützung der Kantone in den Spitälern, bei der Logistik und im Sicherheitsbereich hatte der Bundesrat in einer Teilmobilmachung den Einsatz von bis zu 8000 Armeeangehörigen bewilligt. Die Bevölkerung wurde aufgerufen, alle unnötigen Kontakte zu vermeiden und zu Hause zu bleiben. Unglaubliches hatte sich zugetragen. Auch wenn in den vorangegangen Tagen viel spekuliert worden war, so konnte sich wohl niemand vorstellen, was es bedeutet, wenn das öffentliche Leben fast vollständig zum Erliegen kommt.

Noch am gleichen Abend hat mich die Chefredaktorin des Meilener Anzeigers angefragt, ob ich für die folgende Ausgabe der lokalen Zeitung eine «Ansprache an die Nation» verfassen möchte. Ihr Wunsch war mir selbstverständlich Befehl – und aus der einen Botschaft wurde dann ein regelmässig erscheinender, wöchentlicher Bericht. Es ging mir ähnlich wie Goethes Zauberlehrling: Ich wurde die Geister nicht mehr los, die mich gerufen haben. Und so sass ich in den letzten drei Monaten jeweils am Sonntag Abend – wenn andere den «Tatort» schauen – an meinem Pult, vor einem vorerst leeren Bildschirm, und machte mir Gedanken über das, was wir alle erlebten und was uns alle bewegte. Themen gab es wahrlich genug: Für die nunmehr vierzehn Botschaften malträtierte ich mit meinem Adlersystem 65'564 Mal die Tastatur meines Computers.

Es war – und ist in gewissem Mass immer noch – eine unter allen Titeln verrückte Zeit. Noch vor gar nicht langer Zeit kam niemand auf den Gedanken, dass Kinder wochenlang die Schule nicht besuchen dürfen, dass das Fussballspielen illegal ist, dass gebüsst werden kann, wer sich mit mehr als vier anderen Personen trifft. All' das und noch viel mehr verfügte der Bundesrat im Rahmen seiner Notrecht-Kompetenzen. Er hat damit sowohl in die Grundrechte jeder und jedes Einzelnen als auch ins politische Gefüge eingegriffen. Und zwar beides massiv. Aber auch mit Erfolg: Unser Gesundheitswesen kollabierte nicht, und das ist die Hauptsache.

Die Schweiz hat die Krise bis heute gemeistert. Und das gilt auch für Meilen: Es ist für mich ein grosses Erlebnis, was die Behörden, die Verwaltung, die Schule, die Milizorganisationen, die Kirchen und die angegliederten Betriebe der Gemeinde in den letzten Monaten gestemmt haben. Ich bin beeindruckt, wie sich das Gewerbe flexibel und kreativ auf die ungewohnte Situation einstellte. Und ich habe grosse Achtung vor der Bevölkerung, die sich diszipliniert und kooperativ verhält. Gemeinhin sagt man, in der Krise zeige sich der wahre Charakter der Menschen. Ich denke, wir dürfen mit Fug und Recht behaupten: Die Meilemerinnen und Meilemer verfügen über eine gehörig grosse Portion guten Charakters! Und das bringt mich zu einem Dank: Wenn ich in den verschiedenen Botschaften an dieser Stelle jeweils den einen und andern besonders Betroffenen Danke gesagt habe, so ist es jetzt an der Zeit, Ihnen allen, liebe Meilemerinnen und Meilemer, herzlich zu danken für Ihr Verhalten in der belastenden Coronazeit, die viel Ungewissheit und immer wieder wechselnde Lagebeurteilungen mit sich brachte. Dabei ist mir durchaus bewusst: Den gleichen Optimismus und den gleichen Elan, mit dem wir die Situation bis jetzt bewältigt haben, benötigen wir noch lange Zeit. Ein Zurücklehnen ist nicht angesagt. Noch ist das Virus nicht besiegt und die wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns werden uns, so ist zu befürchten, auch in den nächsten Monaten und Jahren noch schmerzlich belasten. Wir werden auch das schaffen, denn eines ist sicher: Auch wenn die Devise immer noch heisst «Abstand halten», so sind wir uns näher gekommen; nicht nur in der Nachbarschaft, im Dorf beim Einkaufen oder beim Spazieren – sondern vor allem in der Einstellung, dass in einem Miteinander Herausforderungen besser gelöst werden können.

Per heute, den 19. Juni 2020, hat der Bundesrat die drei Monate dauernde «ausserordentliche Lage» aufgehoben – und damit auch mich entlastet vom Verfassen meiner Wochenberichte. In der Hoffnung, dass mich nicht eine zweite Welle dazu zwingt, das präsidiale Wort erneut an Sie zu richten, mache ich mit der vorliegenden Folge 14 also einen Punkt. Ich gebe zu, ich habe nichts dagegen einzuwenden, am Sonntagabend wieder einmal einen Krimi zu geniessen und vor allem ist es mir recht, nicht Woche für Woche auf Seite 2 des Meilener Anzeigers mir selber zu begegnen. Sie werden gewiss auch nichts dagegen einzuwenden haben, hier zur Abwechslung wieder einmal ein anderes Konterfei zu sehen. Ich möchte es jedoch nicht unterlassen, mich an dieser Stelle zu bedanken für die unzähligen Reaktionen auf meine Texte, die ich per Brief oder E-Mail oder Telefon oder in persönlichen Begegnungen entgegennehmen durfte. Es entstanden Kontakte, die mich alle sehr freuen, und mir die Sicherheit geben, dass wir alle zusammen auch die nächste Zeit mit Zuversicht im Griff haben werden!

Ich schliesse mit den gleichen Worten, wie ich es exakt vor drei Monaten in meiner ersten Botschaft tat: Im Namen des Gemeinderats bedanke ich mich bei ihnen allen, liebe Meilemerinnen und Meilemer, für Ihr verantwortungsvolles und solidarisches Handeln. Und vor allem: Ich wünsche Ihnen eine gute Gesundheit!

Christoph Hiller, Gemeindepräsident