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20.11.2017 05:18:46



Eine Geschichte, die sich vom 4. Jahrtausend v. Chr. bis zur Gegenwart hinzieht, kann hier niemals auch nur annähernd vollständig aufgezeichnet werden. Das muss auch nicht sein, denn darüber hat die Gemeinde Meilen 1998 ein vierhundertseitiges, reich illustriertes Buch herausgegeben: «Geschichte der Gemeinde Meilen» von Peter Ziegler und Peter Kummer bei der Gemeindeverwaltung erhältlich. So können wir uns in unserem Kurzbericht darauf beschränken, den Werdegang unserer Gemeinde da und dort ein klein wenig auszuleuchten.


Eiszeiten als Baumeister
Landschaftsbauer der Zürichseeregion waren vor 18 bis 14 Millionen Jahren Flüsse und mehrmals aus dem heutigen Alpengebiet ins Tiefland vorstossende Gletscher. Sie formten das Seebecken und schleppten Schutt, Geröll und Felsbrocken mit sich, die sie seitlich als Moränen ablagerten. So entstanden die Hügelketten, die den Zürichsee säumen: am Meilemer Ufer der Pfannenstiel, am gegenüberliegenden der Zimmerberg.

Lebensspuren im Seegrund entdeckt
Die Geschichte der Gemeinde Meilen apostrophiert das Ereignis voller Begeisterung als Sternstunde der Archäologie und berichtet anschliessend mit wissenschaftlicher Sachlichkeit darüber: «In Obermeilen nutzten Seeanstösser im kalten und niederschlagsarmen Winter 1853/54 den seit Menschengedenken niedrigsten Wasserstand des Zürichsees, um Neuland zu gewinnen. Sie liessen Strandparzellen ummauern und mit dem Aushub aus dem normalerweise wasserbedeckten Seegrund hinterfüllen. Bei dieser Tätigkeit stiessen Arbeiter im Januar 1854 bei der Rorenhaab Obermeilen in 30 bis 60 Zentimetern Tiefe auf eine schwärzliche Schicht, welche morsche Pfähle, Tierknochen und seltsam geformte Dinge aus Ton, Holz und Geweih enthielt: Überbleibsel einer menschlichen Ansiedlung aus der vorrömischen Zeit.»

Bei der Deutung der prähistorischen Fundstelle in Obermeilen entspann sich dann unter den Wissenschaftern eine heftige Debatte: Hatten die ehemaligen Siedler direkt am Seeufer gewohnt, also noch auf festem Erdboden? Oder hatten sie Pfähle ins Wasser gerammt, darauf eine hölzerne Plattform gebaut und auf dieser Seeterrasse ihre Behausungen errichtet? Nach dem neusten Forschungsstand liessen sie sich im sumpfigen Ufergelände nieder, das häufig überflutet wurde. Darum bauten sie ihre Häuser einzeln auf einem von Pfählen gestützten Holzrost, etwa einen halben bis einen Meter vom Gelände abgehoben.

So oder so immerhin handfeste Beweise, dass hier und an vier weiteren Siedlungsplätzen im Ufergebiet von Meilen schon vor Jahrtausenden Menschen gelebt haben und ihrem Tagwerk mit selbstgefertigten Hilfsmitteln nachgingen: Messer, Dolche und Beile mit Bronzeklingen, Töpfe, Schöpfkellen aus Ton und andere Funde aus dem Seegrund zeugen davon. Dass unsere Urvorfahren auch Tiere hielten, dokumentieren Knochenfunde von Hunden, Ziegen, Schafen, Hausschweinen und Rindern.

Wer hat hier eine Münze von Kaiser Nero verloren?
Von den Pfahlbauern noch schnell einen Zeitsprung über Jahrtausende zur Epoche, in der Helvetien von den Römern beherrscht wurde (ab 15 vor Chr.) Von Turicum, dem heutigen Zürich, führte eine römische Strasse dem rechten Seeufer entlang und weiter bis nach Chur. So erstaunt es nicht, dass man in Obermeilen bei Rebarbeiten auf einem Plateau über dem Zürichsee auf Funde aus der Römerzeit stiess: Mauern, Ziegelstücke und Bronzemünzen der Kaiser Nero, Trajan und Severus Alexander (1. bis 3. Jahrhundert n. Chr.). Bei Aushubarbeiten auf der Appenhalten entdeckte man später die Reste eines römischen Herrenhauses.

Asterix und Obelix liessen sich in Meilen nicht blicken. Die machten den Römern in Gallien zu schaffen. Und das ist den Archäologen und Historikern zu gönnen: Sie haben schon mehr als genug zu tun, ohne den Spuren von Faustgefechten gegen römische Legionäre, von Zaubertränken und Wildschweingelagen nachzuschnuppern.

Meilens Begleitmusik im Mittelalter
Ein mehrstimmiger Klostergesang, sozusagen: Im Frühmittelalter besassen auswärtige Klöster Güter in Meilen und sagten den Einwohnern der Region sehr bestimmt, was sie zu tun und lassen hatten so etwa das Kloster St. Gallen, das Zürcher Grossmünster, das Kloster Einsiedeln und das Stift Säckingen. Der Name Meilen taucht denn auch um 880 als «Meilana» erstmals in einem Güterverzeichnis des Grossmünsters auf. Historiker vermuten, dass er von einem gallischen Ortsnamen «Mediolanum» abgeleitet ist, über dessen Bedeutung sich die Gelehrten streiten.

Fest steht indessen, was die beiden Burgtürme im Wappen von Meilen symbolisieren: die Burg Friedberg, Hausburg von Meilen, nach den Bodenfunden etwa im Jahr 1200 nahe beim Weiler Burg erbaut und in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts ausgebaut. Reste ihres Mauerwerks und eines Sodbrunnens, der bis hinab zum Grundwasser in 29 Metern Tiefe gebohrt wurde, sind noch heute zu sehen. Zahlreiche Funde aus jener Zeit haben die Archäologen ans Tageslicht gehoben Ofenkacheln, Topffragmente, Beschläge, Pfeilspitzen, Becher, Schüsseln, hölzerne Teller, Lederschuhe und ein krummes Blashorn als Urahne aller Holzblasinstrumente der Schweiz. Schön, dass man die Geschichte von Meilen noch heute sehen und anfassen kann.

Was taten die Menschen, wenn sie nicht schliefen?
Von Pfahlbauten, Römermünzen und Klosterherren zur Frage, womit im Meilen von einst die Menschen ihr Leben fristeten. Für einmal sind sich die Experten einig: Schon im 13. und 14. Jahrhundert baute man vor allem Reben an, daneben auch Obst und Getreide. Um die Reben zu düngen, brauchte man Mist. Brauchte also Vieh. Und um das Vieh zu füttern, brauchte man Wiesen. So schenkte die Natur den Rebbauern reinen Wein darüber ein, womit sie sich die Zeit zwischen Frühstück und Abendbrot vertreiben sollten. Weil sie sich mit dem Wein so gut verstanden, taten sie es auch.

Schon damals hat also die Nachfrage das Angebot bestimmt, obwohl noch kein Mensch von Marktwirtschaft sprach oder sich gar mit Plänen zur Globalisierung herumschlug. Dem Rebbau in Meilen hats gut getan, er steht noch heute in voller Blüte.

Meilen als Obervogtei von Zürich
1384 nahm der Stadtstaat Zürich den Flecken Meilen als Obervogtei unter seine Fittiche. Ein Obervogt, der Zürcher Stadtbürger und Ratsherr sein musste, hielt Gericht ab, siegelte Urkunden, kontrollierte die Gemeindeabrechnungen, ernannte Vormünder, leitete das Konkurswesen und berief die Gemeindeversammlungen ein. Alles in allem war er die städtische Kontrollinstanz über das Geschehen in der Gemeinde Meilen. Als Delegierter des Obervogtes vor Ort amtierte sein Untervogt, in Meilen wohnhaft und Mitglied einer führenden Familie der Gemeinde. Vom Kleinen Rat aus einem Dreiervorschlag der Gemeindeversammlung bestimmt, war er als Vollstreckungsbeamter auch für die Kirchen- und Armenpflege sowie das Sittengericht verantwortlich und leitete die jährlich zweimal tagende Gemeindeversammlung. Diese Regierungsform, die Meilen eine weitgehende Autonomie einräumte, dauerte mehr als vier Jahrhunderte, bis 1798. Heute treten Ober- und Untervögte nur noch in Geschichtsbüchern auf: Was in Meilen vor sich geht, bestimmen die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger.

Die Macher mit Hammer, Hobel, Feile, Schere und Kelle
Schon im Mittelalter blühte das Handwerk in Meilen. Schneider und Tischler, Maurer und Küfer, Wagner, Schuhmacher und Steinmetz, sie alle bearbeiteten Rohmaterialien und stellten daraus her, was ihre Dorfgenossen zum Leben brauchten. Und mit ihnen hielt das Gewerbe Schritt: Metzger, Bäcker, Fischer und Wirte, beispielsweise, die für das leibliche Wohlergehen der Bevölkerung sorgten.

Als Bindeglied zur Landwirtschaft standen einst mindestens vier Mühlen in Betrieb, die das in der Gegend geerntete Getreide zu Mehl verarbeiteten.

Wie die spinnen dort am See!
«Ende 18. Jahrhundert», berichtet die Geschichte der Gemeinde Meilen, «wurde auf der Zürcher Landschaft mehr gesponnen und gewoben als irgendwo auf der Welt.»
In den Zürichseedörfern war mehr als die Hälfte der Bevölkerung damit beschäftigt, in Heimarbeit Baumwollfäden zu spinnen und Textilien aus Wolle und Baumwolle sowie billigen Baumwollstoff zu weben. Rohstofflieferanten und Abnehmer zugleich waren Auftraggeber aus der Stadt Zürich. Und weil bei ihnen «die Fäden zusammenliefen», bestimmten sie auch gleich den Lohn für die Heimarbeit draussen auf dem Lande. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entstanden dann die ersten Textilfabriken, und die Baumwollbranche bekam mehr und mehr die Konkurrenz durch die aufstrebende Seidenfabrikation zu spüren. Die Heimindustrie geriet ins Stocken und ging schliesslich völlig ein.

Dafür setzte ein Jahrhundert später die Eröffnung der rechtsufrigen Bahnlinie die ganze Gegend in Bewegung: Seit 1894 zogen Dampflokomotiven ihre Rauchfahnen hinter sich her. 1926 erfolgte dann die Umstellung auf elektrischen Antrieb. Das neuzeitliche Transportmittel lockte viele Unternehmen an, die sich entlang dem Seeufer in nächster Nähe der Bahnlinie niederliessen. Gleichzeitig öffnete die Bahn der werktätigen Bevölkerung die Türe zu bisher unerreichbaren Arbeitsorten, denn diese rückten mit einem Mal um Riesenschritte näher. Willkommener Freiraum für den Entscheid, da zu wohnen und eine kurze Bahnreise weiter weg zu arbeiten. 1933 erschloss die Eröffnung der Zürichsee-Fähre als «schwimmende Brücke zwischen Horgen und Meilen» den Reisenden aus nah und fern den schnurgeraden Weg über den See zum anderen Ufer.

Bühne frei für das Meilen von heute!
Wenn auch in Meilen heute niemand mehr spinnt: Das Spektrum von Handwerk und Gewerbe ist bis heute ein breites und buntes geblieben, und die Dienstleistungsbetriebe steuern ihre Farben bei. Fast alles, was man braucht, ist im eigenen Dorf zu finden. Das vereinfacht manches und verleiht dem Kontakt zwischen Kunden und Lieferanten, Auftraggebern und Handwerksbetrieben, Unternehmern und Beratern erst noch eine wohltuend persönliche Note. Man packt das Heute und Morgen gemeinsam an, und das verdoppelt die Aussicht auf Erfolg.

Pfahlbauten
Aus forschungsgeschichtlicher Sicht ist Meilen-Rorenhaab der Startpunkt der Pfahlbau-Archäologie. Es ist eine von mehreren Fundstellen in einem kleinen Raum, die die typische Siedlungsdynamik einer Mikro-Region während des Neolithikums aufzeigt. Alle Perioden sind hier repräsentiert, normalerweise mit mehreren Siedlungsphasen. Von besonderer Bedeutung sind zahlreiche Dendrodaten vor allem aus der Frühbronzezeit. Sie erlauben es, die kulturelle Entwicklung dieser Periode zu verfolgen.